Warum eigentlich BoD und kein "ordentlicher Verlag"?

Wir wurden schon öfter gefragt, warum wir dieses Buch als Book on Demand veröffentlicht haben und uns ob uns denn kein "ordentlicher Verlag" unter Vertrag nehmen wollte.

 

Ich erkläre das gerne nochmal.

Hier ist die Kurzform:

Wir haben selbst und ohne Not entschieden, es einmal als Self-Publisher zu versuchen.

Vorherige Kontakte mit zwei Verlagen verliefen grundsätzlich positiv. Beide wollten das Buch veröffentlichen, boten uns auch recht ordentliche Konditionen an - wollten allerdings erhebliche Eingriffe in Konzept und Inhalt vornehmen, was wir wiederum keinesfalls wollten.

 

Und hier die lange Langform ;-):

 

Das erste Buch

1976 suchten mein früherer Mann und ich nach einem türkischen Kochbuch in deutscher oder englischer Sprache und wurden einfach nicht fündig. Bei einem Gespräch mit einem Buchhändler (beim Hugendubel am Münchner Marienplatz, ich erinnere mich ganz genau) meinte dieser grinsend: Warum schreiben Sie eigentlich nicht selbst eines? 

 

Oh! Diese Idee war klasse! Sie ließ uns nicht mehr los.

 

Wir wollten aber kein gängiges Kochbuch schreiben - dazu fehlten uns unserer Meinung nach Kochkenntnisse und Praxis, sondern wollten eine Reihe ausgesuchter Rezepte mit einer Geschichte verbinden. Simmels Buch "Es muss nicht immer Kaviar sein" ging mir dabei immer wieder durch den Kopf. Für einen Roman, noch dazu in dieser Qualität, wußte ich, fehlt mir die Begabung, aber ein Bericht unserer damaligen ausgiebigen Rundreisen quer durch das Land, mit vielen Erlebnissen und kulinarischen Begegnungen traute ich uns zu.

Mein Mann sollte kochen, und ich wollte federführend schreiben und die Gerichte fotografieren.

 

Schließlich wandten wir uns mit diesem Konzept und einem Probekapitel an drei Münchner Verlage - und bekamen fast postwendend drei Angebote. Wow, wir waren begeistert und unterzeichneten schließlich einen Vertrag beim (inzwischen nicht mehr existierenden) traditionellen Heimeran Verlag. In den Verhandlungen hatten alle drei Verlage aber das Konzept abgelehnt - mit der Begründung, Reiseberichte gäbe es genug, doch türkische Kochbücher noch gar nicht auf dem deutschen Markt. Es solle also ein ganz konventionelles werden. Wir knickten schnell ein, bedeutete dies für uns schließlich erheblich weniger Arbeit. Außerdem hatten wir natürlich einfach Lust, ein eigenes Buch zu schreiben, wie so viele andere Menschen auch. Auch spiele der für uns Neulinge großzügige Vertrag einschließlich üppigem Vorschuss durchaus eine Rolle.

 

Die Arbeit schrieb ich auf einer auf IBM-Kugelkopfschreibmaschine im Original mit drei Durchschlägen. Sie gestaltete sich letztlich problemlos, zog sich zeitlich aber auch fast ein Jahr hin, weil der Verlag mehrere Konzeptänderungen vornahm und bewundernswert genau, aber auch gemächlich arbeitete. Nach drei Durchgängen war das Material druckreif.

 

Auf Titel, Umschlaggestaltung, Umfang und Erscheinungsdatum hatten wir keinerlei Einfluss. Schließlich entstand ein hübsches Büchlein in Hardcover mit dem Titel Aus türkischen Küchen, das unsere Rezepte auf 104 Seiten ohne Fotos enthielt und Anfang 1978 veröffentlicht wurde. Allerdings waren wir nicht die Ersten - ein anderer Verlag hatte noch 1977 ein Taschenbuch herausgebracht.  Spätestens im folgenden Jahr konnte man die Neuerscheinungen schon kaum mehr zählen.

Das erste Buch, erschienen 1978. (Nicht wundern: Damals trug ich noch einen anderen Familiennamen.)
Das erste Buch, erschienen 1978. (Nicht wundern: Damals trug ich noch einen anderen Familiennamen.)

Eigentlich gab es ein Happy-End: Das Büchlein erreichte drei Auflagen, es wurden fast 20.000 Exemplare verkauft, und wir verdienten tatsächlich richtig Geld damit.

 

Als uns Ende der 1970er Jahre die Nachricht erreichte, dass der Heimeran Verlag aufgelöst wurde, waren wir nicht übermäßig traurig, denn der Geldfluss in letzter Zeit deutlich nachgelassen hatte. Inzwischen hatte fast jeder Kochbuchverlag ein eigenes Werk und die Konkurrenz war riesig.

 

Vor allem: Trotz allem wirtschaftlichen Erfolg hätten wir doch lieber die Ursprungsidee verwirklicht und wären wir wirklich gern das erste türkische Kochbuch auf dem deutschen Markt gewesen zu sein.

 

 

Das zweite Buch

Umso größer war die Überraschung, als uns 1986 der BLV-Verlag anschrieb. Man hatte Rechte an Kochbüchern aus dem Nachlass des Heimeran Verlags erworbenen und bot uns nun an, eine Neuerscheinung zu machen, dieses Mal als Taschenbuch mit mehr und anders formulierten Rezepten und zahlreichen (selbst zu schießenden) Rezeptfotos. 

 

Es wurde also eigentlich ein völlig neues, erweitertes Werk. Leider zu wesentlich schlechteren Konditionen als zuvor. Doch den meisten Autoren, jedenfalls den neuen und den unbekannten, wird nur das "Vogel-friss-oder-stirb"-Konzept angeboten.  Und meist ist man doch so interessiert und letztlich geehrt, dass kaum jemand solche Verträge ablehnt.

 

Nach richtig viel Arbeit erschien also Ende 1986 die Wiedergeburt der "türkischen Küchen".

Das zweite Buch,

erschienen 1986:

Bei diesem Buch kann man nicht unbedingt von einem Happy-End sprechen, aber wir verkauften immerhin, nach einer zweiten Auflage, rund 7.500 Exemplare, doch von den Verkaufserlösen blieb bei uns Autoren kaum mehr etwas hängen. Und so ereilte dieses Buchprojekt einen stillen Tod auf Raten - von uns nicht sonderlich bereut. 

 

 

Das dritte Buch

Zehn Jahre und einen Ehemann später hatte ich wieder eine Buchidee - nämlich die damals durchaus ungewöhnliche Geschichte unseres Kennenlernens in eine philosophische Betrachtung des Internets zu verpacken. Arbeitstitel: Die fünfte Dimension. Das Internet als diese fünfte Dimension erweiterte in meiner Vorstellung die vier Dimensionen der Raum-Zeit und erschafft damit ein neue spirituelle Welt der Phantasie.

 

Okay, bitte nicht lachen. Es ist gar nicht so verrückt, wie Sie vielleicht denken ;-). Ich finde die Idee immer noch gut, bereue, meine damaligen Probetexte verloren zu haben. Ich würde es gern noch einmal lesen, vielleicht sogar überarbeiten. Ich beschrieb damals, in dieser Frühphase des Internets - zum Großteil noch vor der Existenz des WWW - meine Erlebnisse im Internet. Quasi philosophische Spaziergänge und Streifzüge durch eine geheimnisvolle Welt, in der ich unglaublich viele Menschen mit unglaublich interessanten Geschichten aus der halben Welt begegnete.

 

Die heute so zahlreichen seriösen und unseriösen Partnerbörsen und Partnervermittlungen gab es damals nicht, und trotzdem lernten sich viele Menschen auch ganz persönlich und sehr intensiv kennen. Bei weitem nicht nur mein Mann haben sich im Internet kennen und lieben gelernt.

 

Ich konnte meinen Mann schließlich davon überzeugen, dass wir gemeinsam dieses Buch schreiben. Wieder fertigte ich ein Exposé an und verschickte es an mehr als zehn Verlage - die gar nicht bis zurückhaltend reagierten. Nur zwei zeigten echtes Interesse.

 

Während ein Verlag sich erst entscheiden wollte, wenn das gesamte Buch fertig geschrieben war, winkte der andere nach einem persönlichen Treffen sofort mit einem Vertrag einschließlich eines zwar nicht hohen aber doch interessanten Vorschusses. Und wir unterschrieben.

 

Nun allerdings kamen die Probleme: Ein erster abgelieferter Teil des Buches wurde nicht akzeptiert, sondern wir wurden gebeten, alles neu zu schreiben und insgesamt das Thema Partnersuche im Internet in den Fokus zu stellen. Das wäre es, was aktuell hohes Interesse und eine entsprechende Auflage fast garantiere. 

 

Wir waren enttäuscht, aber wie es so ist: Wir ließen es mit uns machen, denn wir fanden den Verleger sehr nett, hatten schließlich einen Vorschuss kassiert und fühlten uns in der Pflicht. Also nahmen wir Urlaub, fuhren wir in die Toskana, mieteten uns drei Wochen in ein Ferienhäuschen ein und schrieben das Buch nochmal komplett neu, ich befürchte im Stil der Groschenromane. Alles, was in dem Buch steht, stimmt und ist tatsächlich so passiert - aber haben Sie schon einmal Liebesgeschichten im Sachbuchstil gelesen? Nein? Dann überzeugen Sie sich selbst: Das Buch - sein endgültiger Titel war übrigens Cyberrom@nzen - gibt es hin und wieder noch im Antiquariat. Mehr als 99 Cents sollten Sie allerdings nicht investieren ;-)

Das dritte Buch: Cyberrom@nzen von 1996.
Das dritte Buch: Cyberrom@nzen von 1996.

 

 

Wie erfolgreich das Buch war, wissen wir übrigens bis heute nicht. Wir erhielten keine Abrechnungen und der Verlag teilte uns weder die Auflagenhöhe noch die Anzahl der verkauften Exemplare mit. Alles was wir ja daran verdienten, war der Vorschuss.

 

In einem einzigen persönlichen Gespräch mit dem Verleger viele Monate nach Erscheinen des Buches meinte er, das Buch sei kein Erfolg gewesen und er hätte draufgezahlt. Allerdings war uns nicht entgangen, dass sich der Verlag in wirtschaftlichen Schwierigkeiten befand: Wir hatten weitere Verträge für Anthologien, deren vertraglich vereinbarte Honorare man ebenfalls schuldig blieb. Eines dieser Honorare klagten wir ein - und der Verlag zahlte im Mahnverfahren auf die letzte Minute den eingeklagten Betrag ohne die ebenso geschuldeten Verfahrenskosten. Wir betrieben die Klage nicht weiter und verzichteten auch auf Geltendmachung der anderen Forderungen. Hier war jeder weitere Bemühung zwecklos.

 

Wir haben daraus einiges gelernt. Derartige "Geschäftsbeziehungen" werden wir nicht mehr eingehen. Auf "herkömmliche" Art und Weise hätte wir daher wohl kein Projekt mehr in Angriff genommen, aber nachdem Books on Demand mittlerweile nicht nur Gang und Gäbe, sondern sogar schon halbwegs akzeptiert sind, haben wir uns dafür entschieden, diesen Weg einfach einmal zu probieren.

 

Uns ist besonders wichtig, die Kontrolle über die Arbeit zu behalten und über die Inhalte selbst zu entscheiden. Nichts gegen ein Lektorat, ganz im Gegenteil, Lektoren sind ein wahrer Segen. Aber weitgehende inhaltliche Eingriffe und ganze Konzeptänderungen wollen wir einfach nicht mehr akzeptieren.

 

 

Das vierte Buch

So also kam es zu Die Alten 3.0. Bis auf ein Korrektorat von vorn bis hinten und oben 

 

Im Vorfeld hatten wir Kontakt mit zwei Verlagen. Bei einem bestand lediglich Interesse am mittleren Teil, also der Beschreibung der heutigen Situation der Altengeneration, ergänzt um Tipps für ein "gelingendes Altern". Also ein nettes Ratgeberbüchlein. Wären wir allerdings die richtigen Personen, die einen solchen Ratgeber schreiben sollten? Wir denken nein.

 

Aus dem anderen Verlag verlautete, man wolle gern mit uns zusammen arbeiten, das Buchkonzept sei auch interessant, aber schwer zu vermarkten, weil es verschiedene Sachbuchgattungen umfasse. Man wolle uns gern Vorschläge für eine "Optimierung" machen. Nein, das wollten wir nicht.

 

 

Die gesammelten Werke von Roswitha Casimir und Roger Harrison.
Die gesammelten Werke von Roswitha Casimir und Roger Harrison.

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Kommentare: 1
  • #1

    Peter Hakenjos (Freitag, 29 April 2016 16:24)

    Ich drücke euch für "Die Alten 3.0" im Selbstverlag alle verfügbaren Daumen.

    Es ist mehr als verständlich, wenn ihr weitgehende Eingriffe in eure Bücher wie bisher nicht mehr hinnehmen wollt und das Gefühl, skrupellos ausgebeutet worden zu sein, ist auch nicht gerade schön.
    Die vielen Angebote, die ihr von Verlagen bekommen habt, zeigen, dass ihr gut arbeitet. Und wer das nicht sieht, der möge in "Die Alten 3.0" hineinlesen. Ich habe noch kein besseres Buch zu diesem Thema gelesen ... und ich als Alter habe schon einiges über das Altwerden und das Altsein gelesen.