Altersarmut

1975 schrieb der US-amerikanische Gerontologe Robert N. Butler das nicht ins Deutsche übersetzte Werk Why Survive? Being Old In America. (Warum überleben? Alt sein in Amerika), wofür er mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde:

 

"The tragedy of old age is not the fact that each of us must grow old and die, but that the process of doing so has been made unnecessarily and at times excruciatingly painful, humiliating, debilitating, and isolating through insensitivity, ignorance, and poverty. For the most part, the elderly struggle to exist in an inhospitable world."

(Die Tragödie des Alters ist nicht die Tatsache, dass jeder von uns alt werden und schließlich sterben muss, sondern dass der Alternsprozess aufgrund von Unsensibilität, Unwissenheit und persönlicher Armut unnötigerweise und manchmal unerträglich schmerzhaft, demütigend, lähmend und isolierend verläuft. In den meisten Fällen kämpfen die Alten, um in einer unwirtlichen Welt zu existieren.)

 

Er, Butler, war es auch, der den Begriff ageism prägte, der Altersfeindlichkeit als Form sozialer und ökonomischer Diskriminierung erkennt - eine negative Wahrnehmung des Alters, die zusammen mit einer Stigmatisierung sowohl des Alternsprozesses als auch des Zustandes Altsein einhergeht und die vielfältigen gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen von Menschen aufgrund ihres Alters beschreibt. Diese Altersdiskriminierung ist nur selten Thema in unserer Gesellschaft - wegschauen und verdrängen ist so viel einfacher. Jedoch nur, so lange man nicht selbst betroffen ist ...

 

Nun wird zumindest das Thema Altersarmut gerade in das öffentliche Bewusstsein gespült. So berichtet die Tagesschau am 12. April 2016:

 

"Den Lebensabend in Ruhe und Wohlstand verbringen - das war einmal. Denn die gesetzliche Rente reicht bei den meisten Deutschen gerade für das Nötigste. Laut WDR-Berechnungen droht 2030 jedem zweiten Neurentner die Altersarmut."

 

Natürlich absolut keine Neuigkeit, sondern längst bekannt, nur verdängt.

 

Sogar wir haben in unserem Buch bereits gewarnt. Ausschnitt:

 

"Und Altersarmut?

Kein Thema in unserer schönen Scheinwelt. Das kehren wir lieber unter den Tisch, nicht wahr? Vielmehr gelten die über 60-Jährigen verallgemeinernd als diejenigen mit der höchsten Konsumkraft im Lande. Nur allzu gerne von der Wirtschaft aufgegriffen, erobern die »jungen Alten« die Werbung. Sie zu umgarnen, lohnt sich: Bei den Politikern sind sie gleichermaßen beliebt. Sie strahlen ja aus: Seht nur, wir – die Politiker – haben alles richtig gemacht. Uns ist es zu verdanken, dass die Senioren ihren Lebensabend hemmungslos genießen können, sogar wenn er jahrzehntelang dauert. So lange Ihr uns wählt, geht es Euch gut. Natürlich sehen sich die meisten Menschen viel lieber dieser als der bedauernswerten Gruppe der armen Alten zugehörig.

 

Die Wahrheit aber ist, dass ... die gesetzliche Rente schon längst nicht mehr vor Altersarmut schützt. Wer dies vermeiden will, dem bleibt nur die Aufstockung, Normal- oder Geringverdienern vor allem durch die Riester-Rente. Doch wie sollen sie das finanziell schaffen, wenn schon die einfache Lebensführung den Lohn auffrisst? Die meisten schaffen es nicht.

 

Immer mehr Menschen gehen im Rentenalter einer bezahlten Beschäftigung nach, weil sie finanziell darauf angewiesen sind. In den letzten zehn Jahren hat sich ihre Anzahl verdoppelt und liegt derzeit bei knapp einer Million. Die Branchen mit den meisten älteren Minijobbern sind der Handel und die Gastronomie. Dabei handelt es sich überwiegend um Hilfstätigkeiten, die kaum Vorkenntnisse und keine Ausbildung voraussetzen, aber nur mit oft erheblichem körperlichen Einsatz zu bewältigen sind: Verkauf, Service, Auslieferung, Fahrdienst, Reinigung, Gartenarbeit, Kranken-und Altenpflege, Kinder- und Altenbetreuung und andere mehr.

 

Schon an der Art dieser Tätigkeiten, die als untergeordnete Hilfsarbeiten weitgehend mit Aushilfsjobs identisch sind, die vorrangig Jugendliche und Studenten ausführen, um sich ein Taschengeld zu verdienen, ist ersichtlich, dass dieser Teil der älteren Menschen nicht zum Spaß oder aus Zeitvertreib, sondern aus blanker finanzieller Not arbeitet. Arbeiten, die aus innerem Antrieb, Interesse und Freude verrichtet werden, sehen anders aus.

 

Es scheint, dass die von Altersarmut betroffenen Menschen mit Verweis auf die Grundsicherung mit ihren Sorgen und Nöten weitgehend allein gelassen werden. Und keine Spur eines überzeugenden, aussichtsreichen Plans, dieses Dilemma und hochkomplexe Problem in den Griff zu bekommen."

 

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