Stichwort Individualisierung

Von unserer Arbeit an dem Buch »Die Alten 3.0« stammt eine Reihe mehr oder minder durchformulierter Texte und Fragmente, die es nur in den Vorentwurf des Buchs, aus verschiedenen Gründen aber nicht in die Endfassung geschafft haben. Einige dieser Texte werde ich hier von Zeit zu Zeit aufgreifen.

 

Individualisierung - dieser Begriff wird in Alltagssprache und wissenschaftlichem (soziologischen) Diskurs unterschiedlich verstanden. Dort wurde er von dem Soziologen Ulrich Beck 1986 als ein wichtiges Stichwort gesellschaftlichen Wandels in die Diskussion eingebracht. Dabei geht es um den Übergang des Individuums von der Fremd- zur Selbstbestimmung. Dazu gehört, dass der Einzelne für seinen Lebenslauf zunehmend selbst verantwortlich wird, was zu einer Vielfalt von Werdegängen führt: 

 

In unserer heutigen Welt kommt es mehr und mehr zu unterschiedlichen, individuellen Biografien, die nicht mehr der Tradition folgenden und nur eine Richtung kennen – nämlich: Ausbildung, Arbeit, Heirat, Kinder, Rente, Tod … –, sondern selbstbestimmt entlang von Brüchen, Umwegen und Neuanfängen verlaufen.

Die Individualisierung hat unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt maßgeblich verändert: Die Klassenstruktur der traditionellen Industriegesellschaft (Arbeiter, Angestellte, Führungskräfte) mit begrenzten sozialen Aufstiegsmöglichkeiten und jeweils eingeschränkter Auswahl auszuübender Berufe gibt es in dieser Form längst nicht mehr, selbst wenn die soziale Herkunft im Ausbildungs- und Berufsleben noch eine gewisse Rolle spielen. Gegen alle Widerstände konnte sich ein freierer und klassenunabhängiger Zugang zu den unterschiedlichsten Ausbildungsformen entwickeln. Es besteht, ungeachtet der eigenen Herkunft, die (allerdings oft steinige oder gar schmerzhafte) Möglichkeit des sozialen Aufstiegs – und natürlich des Abstiegs. Entsprechend wird Armut und Arbeitslosigkeit nicht mehr als kollektives und typisches Schicksal einer bestimmten Klasse oder Schicht, sondern als selbst verschuldetes und individuell zu durchleidendes Einzelschicksal wahrgenommen.

 

Nicht nur Gesellschaft und Arbeitswelt haben sich gewandelt, auch Ehe und Familie haben geradezu spektakuläre Veränderungen durchgemacht. Geheiratet wird längst nicht mehr aus wirtschaftlichen oder vernünftigen Gründen und schon gar nicht mehr »bis ans Ende unseres Lebens«. Angestrebt werden vielmehr funktionierende Liebesbeziehungen und gleichberechtigte Partnerschaften, die sogar im fortgeschrittenen Alter aufgegeben werden, wenn sie nicht mehr tragbar erscheinen. Selbst Scheidungen im Alter von 70 oder 80 Jahren sind nicht mehr ungewöhnlich. Trauschein und kirchlicher Segen sind zweitrangig, genauso wie »uneheliche Kinder« längst kein Thema mehr sind. Andere Konstellationen, seien es Patchwork-Familien oder gleichgeschlechtliche Partnerschaften, haben längst genauso breite Akzeptanz gefunden, wie das Leben als Single.

 

Diese moderne Gestaltungsfreiheit unseres Lebens bedeutet, dass wir alle getroffenen Entscheidungen mit den jeweiligen Konsequenzen selbst verantworten müssen.

 

Auch das Älterwerden ist von diesem gesellschaftlichen Individualisierungstrend betroffen. Entsprechend bedeutet Individualisierung im Alter nicht nur Freisetzung aus traditionellen Rollen und Gesellschaftsschichten, sondern ist verbunden mit der Voraussetzung, das Leben für das Alter und im Alter eigenverantwortlich zu planen und zu gestalten. Mag beispielsweise ein unabhängiges Leben als Single in jüngeren Lebensjahren erstrebenswert sein, können sich im Alter Schwierigkeiten ergeben, wenn nicht vorgesorgt wurde. Gerade dies bedeutet für nicht wenige Menschen, dass sie sich heillos überfordert fühlen.

 

Ein weiterer Trend dieses Individualisierungsprozesses – um noch eins draufzusetzen – wird laut Trendforscher Peter Wippermann ('Länger leben, länger lieben – Das Lebensgefühl der Generation Silver Sex') künftig den Tod erreichen. Wir werden häufiger selbst entscheiden (müssen/dürfen?), wann wir unserem Leben ein Ende setzen wollen, anstatt diese Entscheidung der Biologie oder der Gerätemedizin zu überlassen. Es geht nicht um Verzweiflung, sondern um Selbstbestimmung.

 

Wie geht es Ihnen angesichts dieser Möglichkeiten aber auch steigenden Verantwortung?

Was denken Sie über die Freiheit, unser Leben nicht nur zu gestalten, wie es uns beliebt, sondern auch zu beenden, wann wir es wollen? Steht uns diese Freiheit - moralisch - überhaupt zu?

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