Altern - ein reines Frauenproblem?

Schon im Januar 2014 erschien das Buch von Bascha Mika: Mutprobe: Frauen und das höllische Spiel mit dem Älterwerden.

 

Da es aus unerfindlichen Gründen plötzlich erneut in den Schlagzeilen ist und in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften Artikel und Interviews gebracht werden, will ich jetzt doch ein paar Worte darüber verlieren, obwohl ich das ursprünglich nicht wollte.

 

Ich mag Bascha Mika. Wir sind fast gleich alt und ich sehe und höre sie vor allem gern im sonntäglichen Presseclub - eine der wenigen Sendungen des deutschen Fernsehens, die mein Mann und ich gemeinsam und sogar regelmäßig ansehen. Und natürlich habe ich ihr Buch 2014 gleich gelesen, schon deswegen, weil wir uns ja mit unserem Buch Die Alten 3.0 ebenfalls mit dem Älterwerden beschäftigen.

 

Mit jeder Seite, die ich las, wurde ich enttäuschter, zum Schluss fast zornig. Bis heute bringe ich die intelligente und gut aussehende Frau, die da sonntäglich öfter über den Bildschirm flimmert und durchaus kluge Sachen sagt, gedanklich nicht mit der Autorin zusammen, die dieses Buch in dieser Form geschrieben hat. Zwar bin ich längst nicht mit allem einverstanden, was sie im Presseclub sagt und welche Meinungen sie vertritt, aber dass wir zum Thema Frauen und Älterwerden eine so fundamental entgegengesetzte Sicht der Dinge haben - das hätte ich nicht gedacht.

 

"Männer werden älter", schreibt Mika, "doch Frauen werden alt gemacht." Schuld sei die böse "Gesellschaft" (wer auch immer das konkret sein mag), die die Frauen in die Rolle der Unterdrückten zwängen. Das Älterwerden erfordere für Frauen viel mehr Mut und Kraft als für Männer, denn Schönheitswahn, Jugendkult, Leistungsdruck habe allein das schwache Geschlecht zu ertragen.

Als Beweis für ihre These führt sie an: "Wenn Frauen das Gefühl haben, sie laufen über die Straße, und Männer gucken sie nicht an, nehmen nicht mal wahr, da es es sie überhaupt gibt, dann leiden sie darunter."

 

Ach. Meint sie das wirklich ernst? Was um Himmels willen ist denn so Tolles  oder gar Wichtiges an oberflächlicher sexueller Aufmerksamkeit von Männern, denen man zufällig auf der Straße begegnet? Als ich in den 1970er Jahren mit kurzem Minirock und hautengem Top ganz selbstverständlich herumlief und dabei nicht nur jung, sondern wohl auch verhältnismäßig attraktiv war, pfiffen mir in der Tat Bauarbeiter oder der eine oder andere testosterongesteuerte Zeitgenosse regelmäßig hinterher.

 

Aber: Gefiel mir das? Nein, es störte mich. Im besten Fall fand ich es prollig und unerzogen, im schlimmsten Fall abstoßend. Und wenn es - leider! - nicht immer bei Pfiffen blieb, sondern ich "begrabscht" wurde, fühlte ich mich ob dieser sexuellen Belästigung zutiefst gedemütigt und beschämt. Einmal schürte das in mir eine derart intensive Wut, dass ich bei einer Busfahrt vor vielleicht 40 Jahren, als ein hinter mir sitzender Mann meinen Po zu streicheln versuchte, ich meine Beherrschung völlig verlor und mit meinem Aktenkoffer auf ihn einzuschlagen begann. Nur das Eingreifen meiner Mitfahrer verhinderte, dass ich den Mann ernsthaft verletzte. Ich bin bis heute aufgebracht, wenn ich an die Situation zurückdenke. Der Autorin dürfte hingegen wohl unverständlich sein, warum ich von dieser besonderen Art der männlichen Aufmerksamkeit nicht begeistert war.

 

Es stimmt, dass mir so etwas heutzutage nicht mehr passiert. Kein Mann pfeift mehr lüstern, wenn ich über die Straße gehe, keiner fasst mir an den Hintern, meine Brüste oder mein Geschlecht. Und zwar weil ich gealtert bin?

Ich empfinde es als befreiend, keine potentielle sexuelle Beute mehr zu sein. Ich bestreite, dass dies allein wegen meines freimütig zugegebenen, mittlerweile uninteressanten und eindeutig gealterten Äußeren und meines fortgeschrittenen Alters (ich bin 63) der Fall ist. Eine schnelle kleine Umfrage bei acht allesamt attraktiven Freundinnen und Verwandten im Alter von 19 bis 32 ergab:  Keine von Ihnen hat das Gefühl, überdurchschnittlich oft von Männern auf der Straße beobachtet zu werden, es sei denn in Ausnahmefällen, wenn sie sich besonders oder ungewöhnlich angezogen haben oder als Mädelsclique auftauchen. Und den berühmten pfeifenden Bauarbeiter scheint es gar nicht mehr zu geben. Wahrscheinlich ist er inzwischen auch Rentner ...;-)

 

Bascha Mika aber folgt daraus: "Frauen müssen sozusagen stellvertretend die Aggression gegen den menschlichen Verfall aushalten." Und Frauen würden allein wegen ihres Alters "soziale Kontakte, Beziehungen und Liebe vorenthalten".

 

Wie kann Bascha Mika derart pauschalieren und ernstlich den Gedanken entwickeln, Frauen könnten darunter leiden, nicht mehr belästigt zu werden? Gerade frage ich mich, ob sie angesichts der Vorfälle an Sylvester in Köln und anderen Innenstädten auch heute noch einen derart deplatzierten Vergleich zu Papier bringen würde. Das Schlimme an ihrem Buch ist vor allem, dass es ständig um diese vermeintliche im Alter böswillig vorenthaltene "Anerkennung" des anderen Geschlechts geht.

 

In einem Interview der Augsburger Allgemeine vom 29. April 2016 wurde sie gefragt, ob sie je Altersdiskriminierung bei sich selbst erlebt habe. Das verneinte sie und sagte: "Im Gegenteil,  ich bin an vielen Stellen sogar die Ausnahme. Denn während für Frauen häufig mit Anfang 50 Schluss ist auf der Karriereleiter – während Männer lustig weiter aufsteigen –, bin ich mit über 60 noch einmal Chefredakteurin geworden. Aber Ausnahmen bestätigen nur die Regel."

Die Möglichkeit, dass es sich genau umgekehrt verhält, nämlich dass sie die Regel und die von ihr beklagte Diskriminierung mittlerweile die Ausnahme ist, scheint ihr nicht in den Sinn gekommen zu sein.

 

Nicht ich selbst allein, sondern mein gesamtes weibliches Umfeld hat allein durch ihr Frausein nie berufliche Nachteile erlitten. Das sind Frauen in vielen verschiedenen Berufen, doch Mannequins, Schauspielerinnen, Nachrichtensprecherinnen oder Tänzerinnen gehören genauso wenig wie It-Girls, Society Ladies und "Top-Models" zu meinem direkten Bekanntenkreis. Ich will nicht abstreiten, dass Frauen es in einigen Berufen im fortgeschrittenen Alter schwerer als Männer haben und dass vor allem in der Medienindustrie der Jugendkult noch gilt. Aber auch dort sehe ich längst positive Veränderungen. Nachdem es zum Beispiel in Großbritannien und den Niederlanden schon lange und ganz selbstverständlich 60-jährige, gepflegte, aber eindeutig nicht geliftete Nachrichtensprecherinnen auch zur Primetime gibt, ist doch auch bei uns mittlerweile längst nicht mehr bei 30 Schluss, sondern eine ganze Reihe 50-Jähriger stehen weiter an vorderster Front und machen ihren Job. Einen guten und oft ganz ausgezeichneten Job.

 

"Sie scheinen auch im Privaten eine Ausnahme zu sein, denn Sie sind mit einem zehn Jahre jüngeren Mann verheiratet", wurde Bascha Mika weiter gefragt. "Wurden Sie deshalb schon einmal komisch angeschaut?"

 

Auch dies verneinte sie. Sie sieht den Grund darin, dass sie sich "in der Regel in aufgeklärten Kreisen" bewege. Doch "gesamtgesellschaftlich" sei eine solche Konstellation immer noch ziemlich selten. Frauen und Männer würden immer noch merkwürdig angeschaut, wenn die Frau wesentlich älter ist als der Mann. Auch da merke man wieder den doppelten Standard. Kein Mann werde diskriminiert, wenn er eine zehn, zwanzig oder sogar dreißig Jahre jüngere Frau hat.

 

Erneut stellt sich die Frage, ob Mika der Meinung ist, sich als einzige Frau in "aufgeklärten Kreisen" zu bewegen. Ich behaupte, dass auch die Kreise, in denen ich mich bewege, mehr oder minder aufgeklärt sind und da ist es - surprise surprise - fast immer ein Thema, wenn sich ein neues Paar gebildet hat ;-) Neugierig wie wir eben so sind. Und über den alten Knacker, der plötzlich eine deutlich jüngere Freundin hat, ziehen wir mindestens genauso her, wie über die alternde Nachbarin, die mit einem knackigen Studenten ausgeht. Und dann erst die beiden Arbeitskollegen, die sich kürzlich geoutet haben... <flüster_flüster> ... Wir finden's halt interessant und ich glaube, wir klatschen einfach gern. So wie die Menschen sowieso alles bemerkenswert finden, was nicht der Norm entspricht. Wobei ich aber zu bedenken gebe, dass Klatschen nicht notwendigerweise Diskriminierung ist.

 

Altersdiskriminierung jedoch gibt es - und nicht zu knapp. Aber sie ist nicht geschlechterspezifisch, Männer sind genauso betroffen wie Frauen. In unserer Welt sind Frauen nicht mehr die armen und hiflosen Opfer, als die Bascha Mika offensichtlich alle Frauen außer sich selbst sieht.

 

Obwohl wir seit über 10 Jahren das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz haben, ist Altersdiskriminierung nicht verschwunden. Im Arbeitsleben, wo sie früher offen erfolgte, wird sie nun eher vertuscht, in den gesellschaftlichen Bereichen hat sie zugenommen. Das ist es, woran wir unbedingt arbeiten müssen. Denn das Schlimme ist: Im Unterschied zu Ausländerfeindlichkeit oder der Benachteiligung von Frauen gibt es für Altersdiskriminierung noch immer zu wenig Bewusstsein in unserer Gesellschaft.

 

Auch deshalb hat Bascha Mika den Alten mit ihren abstrusen Thesen einen Bärendienst erwiesen!

 

Gottseidank bemerkt man im Presseclub, wenn sie klug und engagiert über aktuelle Themen diskutiert, nicht, wie sehr sie offensichtlich von männlich-sexueller Fremdwahrnehmung abhängig ist. Eigentlich habe ich fast ein bisschen Mitleid mit ihr, aber gleichzeitig ärgert mich, dass ihr insgesamt ziemlich dummes Buch jahrelang ziemlich viel Lob und positive Aufmerksamkeit bekommt und ihre Kollegen sich entweder nicht getrauen oder sich nicht die Arbeit machen, ihr einen ehrlichen Verriss zu schreiben, sondern sie auch zwei Jahre nach Erscheinen noch hofieren und den Umsatz anzukurbeln helfen.

 

Sie meinen, ich sei ja bloß neidisch?

Ja, stimmt. Aber ich habe auch recht ;-)

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Petra S. (Dienstag, 03 Mai 2016 10:01)

    Du sprichst mir sowas von aus dem Herzen, Roswita! Jetzt muss ich doch mal euer Buch kaufen, die Leseproben fand ich super! Bin gespannt!