Foto: © 2016 Roswitha Casimir
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Hier finden Sie einige Leseproben aus  DIE  ALTEN  3.0:           Inhaltsverzeichnis, Einleitung und gekürzte Kapitel


Inhaltsverzeichnis

 

Prolog

Einleitung

 

Gestern – Die Alten 1.0

Die Stellung alter Menschen in der Gesellschaft

Respekt und Ablehnung

Alterslob und Altersschelte, Altersklage und Alterstrost

Altersgeschichten in alten Geschichten

Religiöse Grundlagen

Sozialgeschichte

           Weimarer Zeit

Nationalsozialismus

Nachkriegszeit und Wiederaufbau

Bevölkerungsgeschichte

Bevölkerungsentwicklung

Historischer Altersaufbau und Durchschnittsalter

Lebenserwartung

 

Heute – Die Alten 2.0

Begriffsbestimmungen

Demografie

Demografische Revolution und demografischer Wandel

Altersaufbau

… und noch ein bisschen Weltuntergangsstimmung

Wir brauchen eine Alterskultur!

Altersphasen

Lebenswünsche

Altersbilder und Stereotype des Alter(n)s

Altersdiskriminierung

Altern ist anders

           Alter ist nicht gleich Alter

           Altern ist keine Krankheit

Ist Altern ein Frauenproblem?

 

Heute Nacht – Die Alten 2.5

Ein Abstecher in die dunkle Seite des Alters

Die negative Wahrnehmung des Alters

Die bösen Alten

Ein beinahe geschriebenes Buch und Fragen über Fragen

Antworten?

 

Morgen – Die Alten 3.0

Das Zeitalter der Alten

Bestandsaufnahme

Politik und Lobbyisten

Aufmerksamkeit der Gesellschaft

Was sagt die Trendforschung?

Jetzt werden wir aktiv!

Gemeinsam statt einsam

Dialog statt Differenz

Kooperation statt Komplott

Was wollen wir – was können wir?

            Wirtschaftliche Lage

Wie wollen wir wohnen?

Gesellschaftliche Teilhabe, Ehrenamt, Soziale Kontakte

Wonach sehnen wir uns?

           Gesundheit

           Lebenslust und Lebensfreude

Wir bereuen nichts

 

Anmerkungen

Literatur

Weblinks

 

 

Anmerkung:  Alle Ausschnitte sind gekürzt und ohne Fußnoten.

 

 

 

 

Einleitung

 

 

Wir empfinden das Altsein als etwas Statisches. Wir teilen es in Generationen ein: Großvater und Großmutter sind uralt, Mutter und Vater sind alt, wir selbst, unsere Geschwister und unsere Freunde sind jung. Großvater war alt, so lange wir denken konnten und in unserer Vorstellung daher so lange er lebte. Unsere Eltern gehören »von Anfang an« (nämlich dem Moment, als wir geboren wurden) zur Generation der Erwachsenen. Natürlich wissen wir, dass alle Menschen, somit auch unsere Großeltern und Eltern, einmal Babys, Jugendliche und junge Erwachsene waren, dass sie in die Windeln machten, wie unsere eigenen Kinder oder in die Pubertät kamen, wie einst wir selbst. Wir wissen, dass unsere Eltern sich dazumal verliebten, miteinander Sex hatten und vielleicht ein ziemlich wildes, »jugendliches« Leben führten. Natürlich wissen wir das, allerdings wollen wir es nicht wissen.

 

Das Altsein ist uns selbstverständlich, ja vertraut, weil wir es bei anderen sehen und erleben, das Altwerden hingegen können wir nicht wirklich verstehen. Es ist in unserer intuitiven Vorstellung kein kontinuierlicher Prozess, sondern geschieht, wenn überhaupt, sprunghaft. »Mein Gott, was bin ich alt geworden«, erschrecken wir eines Morgens vor dem Spiegel. Obwohl wir täglich mehrfach hineinsehen, können wir doch den Alterungsprozess als solchen nicht nachvollziehen, weil wir ihn nicht erkennen.

 

Bemerkenswert ist, dass uns das Älterwerden und Altsein je nach Lebensabschnitt etwas anderes bedeutet:

 

»Wenn ich endlich sechs Jahre alt werde, dann darf ich zur Schule. Hurra!«

»Wenn ich endlich 18 bin, darf ich den Führerschein machen. Wurde auch Zeit, schließlich bin ich längst erwachsen!«

»Oje, ich werde schon 30. Jetzt werde ich alt!«

»50! Schrecklich! Soll das nun alles gewesen sein?«

»Wenn ich endlich 65 bin, dann …«

 

Wir fragen uns: Alt – was ist das, und wann beginnt das Altsein? Schauen wir nach bei Wikipedia: »Unter dem Alter versteht man den Lebensabschnitt rund um die mittlere Lebenserwartung des Menschen, also das Lebensalter zwischen dem mittleren Erwachsenenalter und dem Tod. Das Altern in diesem Lebensabschnitt ist meist mit einem Nachlassen der Aktivität und einem allgemeinen körperlichen Niedergang (Seneszenz) verbunden.«

 

Von diesen Grundtatsachen abgesehen sind Alter, Altern und Altsein keine leicht zu beschreibenden Begriffe.

Ein Blick in die Geburtsurkunde genügt, um das Alter eines Menschen zu erfahren. Mag sich vieles im Leben an diesem kalendarischen Lebensalter orientieren, Einschulung, Volljährigkeit, Wahlalter, Pensionierung, so ist es für den tatsächlichen Verlauf des Älterwerdens nicht von unmittelbarer Bedeutung. Da kommt vielmehr das »biologische Alter« ins Spiel, das die nachlassende Leistungsfähigkeit von Körper und Intellekt berücksichtigt. Diese biologischen Veränderungen treffen jeden, verlaufen bei den einzelnen Menschen allerdings höchst unterschiedlich.

 

Viele Philosophen haben sich Gedanken darüber gemacht, wann der Mensch alt ist. Dante war der Meinung, das Altsein beginne mit 45, nach Hippokrates war man mit 56 Jahren alt. Aristoteles (384–322 v. Chr.) befand, dass der »Körper mit 35, die Seele hingegen erst mit 50« alt sei.

Doch im Gegensatz zu heute setzte man in früheren Zeiten den Begriff »alt« mit »reif« gleich, was augenblicklich versöhnlicher klingt und auf die Aufgabe hindeutet, die im Leben erworbenen Kenntnisse und Erfahrungen an die Jüngeren weiterzugeben, auf dass sie vom Wissen der Alten profitieren.

 

Auch was Altern genau ist, weiß die Wissenschaft im Grunde bis heute nicht. Seit Urzeiten ringen die Menschen darum, die biologische Funktionsweise des Alterns zu verstehen. Man kennt natürlich viele Teilaspekte. Man hat nachgewiesen, dass hohes Alter abhängig von der genetischen Disposition ist. Man beobachtet die allgemeine Verlangsamung des Stoffwechsels, was sich als träge Immunreaktion zeigen kann. Man weiß, dass die Degeneration der elastischen Fasern zur Austrocknung und Faltenbildung der Haut führt. Es scheint ein biologisches Wachstums- und Zerfallsmuster zu geben, das auf alle Menschen früher oder später zutrifft. So können sich bestimmte Zellen nicht beliebig oft teilen.

 

Hat sich eine beliebige Zelle 25 bis 50 Mal geteilt, ereilt sie ein permanenter Wachstumsstopp; sie wird in den Ruhestand versetzt, quasi in Rente geschickt. Mit der Folge, dass das entsprechende Organ altert. Das nennt die Wissenschaft – und die Kosmetikindustrie, wenn sie eine neue Anti-Falten-Wundercreme auf den Markt wirft – zelluläre Seneszenz. Obwohl es sich um einen überaus sinnvollen Schutzmechanismus des Organismus handelt (Die Seneszenz verhindert nämlich, dass sich im Zuge der Zellteilung und dem damit einher gehenden zellulären Stress genetische Fehler anhäufen), beschäftigt sich eine ganze Industrie damit, wie sich die Seneszenz stoppen oder wenigstens verlangsamen lässt. Bislang mit wenig Erfolg.

 

Und sonst? Man steht nach wie vor ziemlich am Anfang der Forschungen zum Thema Altern.

Fragen wir Mitmenschen im frühen oder mittleren Lebensalter, welches Lebensalter sie mit dem Altsein verbinden, wird gern das 60. oder 65. Lebensjahr genannt, zumindest als »Beginn des Altwerdens«. Fragen wir Personen dieser Altersgruppe, schätzen sie sich selten selbst als alt ein. Anderes ist lediglich zu beobachten, wenn eine krankheitsbedingte vorzeitige Gebrechlichkeit oder ernsthafte Erkrankung hinzukommt. Untersuchungen zufolge fühlen sich die Menschen ab 60 ansonsten viel später alt. In den höheren Altersklassen betrachten sich die meisten erst im Alter von über 70 Jahren selbst als »alt werdend« und über 80 Jahren als »alt«.

 

Die Altersstruktur der Bevölkerung hat sich durch die technologisch-industrielle Entwicklung ab dem 20. Jahrhundert radikal verändert; die demografische Wende ist einzigartig in der Geschichte. Zwar hat sich im Laufe der Menschheitsgeschichte die altersmäßige Verteilung der Bevölkerung langsam verschoben, da die Menschen gesünder und die Umwelt für sie gefahrloser wurde, doch erst in den letzten Jahrzehnten deutete sich die dramatische Veränderung in der Zusammensetzung der Bevölkerung an, die nun im vollen Gang ist und sich in den nächsten Jahrzehnten noch zuspitzen wird.

 

Das Zeitalter der Alten hat begonnen. Um das Jahr 2030 sollen mehr als ein Drittel der Deutschen im Seniorenalter stehen. Das wirft Fragen auf: Wird ein Generationenkonflikt ausbrechen, wird es zu einem gnadenlosen Verteilungskampf kommen? Werden die Alten (wieder!) zu Almosenempfängern verkommen, weil die Erwerbstätigen sie nicht mehr finanzieren können? Oder: Werden Alte und Junge lernen, besser zu beiderseitigem Nutzen miteinander zu leben, als je zuvor? Wird den Alten ihre kommende zahlenmäßige Überlegenheit helfen, die Anerkennung der Jüngeren (wieder) zu erlangen, indem sie ihren Wissens- und Erfahrungsschatz zum gemeinsamen Nutzen einbringen?

 

Alle Macht den Alten? Wir haben es in der Hand.

 

Jedenfalls, wenn das Erwerbsleben zu Ende geht, die Kinder uns längst nicht mehr brauchen, ja sogar die Enkelkinder bereits heranwachsen, befinden wir uns in einer Lebensphase, die uns geradezu herausfordert, das Vergangene aufzuarbeiten, die Gegenwart aktiv zu gestalten und die zukünftigen Möglichkeiten, Freiheiten und Grenzen zu planen.

 

Vielleicht ist das vorliegende Buch dabei nützlich. Wobei wir selbst noch gar nicht genau wissen, wohin es uns führt. Wir sind noch dabei, die uns offen stehenden Möglichkeiten der Gestaltung unserer Gegenwart zu erkunden.

 

Wollen Sie uns auf dieser Reise begleiten?

Soziale Kontakte

 

Einsamkeit im Alter ist das Damoklesschwert, das über uns allen schwebt, dem wir aber durch soziale Kontakte entkommen können. Eine Erhebung von 2009 zeigt, dass 44 Prozent der Frauen ab 65 Jahren allein leben, bei den gleichaltrigen Männern nur 18 Prozent. Jenseits des 85. Lebensjahrs steigt die Zahl der Alleinlebenden auf 35 Prozent bei den Männern und 74 Prozent bei den Frauen an. Einsamkeit stellt in unserer Gesellschaft allerdings für alle Altersgruppen ein Problem dar, vor allem Singles jeden Alters sind betroffen. 16 Millionen Menschen in Deutschland leben allein, das ist jeder Fünfte.

 

Mit zunehmendem Alter steigt dazu die Wahrscheinlichkeit, dass grundlegende Veränderungen eintreten, die zu tatsächlicher oder gefühlter Einsamkeit führen. Mal ist es ein schleichender Prozess, wenn über Jahre hinweg jeweils einzelne Bezugspersonen verloren gehen, manchmal geschieht die Veränderung von einem Tag auf den anderen. Möglicherweise verlieren wir unseren Partner durch Trennung oder einen viel zu frühen Tod, ziehen unsere Kinder in eine entfernte Gegend oder stellen wir bei unserem Bekanntenkreis fest, dass die persönlichen Begegnungen nach der Pensionierung spürbar seltener werden. Es muss gar nichts Gravierendes passieren, um innerhalb kurzer Zeit vom geselligen Menschen im trauten Kreis von Familie, Freunden und Bekannten zum alleinstehenden und isolierten Menschen zu werden. Es reicht bereits der Umzug in eine (Alten-)wohnung in einer fremden Gegend. Da ist der Schritt nicht weit zur Vereinsamung und zum Rückzug, bis im schlimmsten Fall zum »sozialen Tod«, wenn praktisch gar keine Beziehungen mehr zur Umwelt bestehen.

 

Sie sind nicht unserer Meinung und winken ab? Sie haben schließlich ihre Familie und einen großen Freundes- und Bekanntenkreis. Außerdem sind Sie ausgesprochen kontaktfreudig und aufgeschlossen. Nein, einmal einsam und isoliert zu sein, können Sie sich nicht vorstellen. Mit dieser Ansicht stehen Sie nicht allein: Die Generali Altersstudie 2013  widerspricht ebenfalls der Vorstellung einer vereinsamten älteren Generation. Sie kam zu folgenden Schlussfolgerungen: Fast drei Viertel der Befragten fühlten sich selten oder nie einsam, nur eine Minderheit von vier Prozent der 65- bis 85-Jährigen fühle sich häufig, 19 Prozent fühlten sich manchmal einsam. Die überwältigende Mehrheit unterhalte nicht nur enge familiäre Bindungen, sondern habe dazu einen stabilen Freundeskreis. Zwei Drittel der befragten 65- bis 85-Jährigen hatten einen festen Partner, drei Viertel waren Großeltern, nur elf Prozent waren kinderlos. Rund die Hälfte treffe darüber hinaus regelmäßig Freunde und Bekannte. Nur vier Prozent der 65- bis 85-Jährigen fühlten sich häufig einsam, hauptsächlich Ältere mit schlechtem Gesundheitszustand und Alleinstehende.

 

Diese Untersuchung basierte allerdings auf persönlichen Befragungen und nicht auf anonymen schriftlichen Umfragen. Nicht unbedingt mit den Ergebnissen selbst, aber mit den Schlussfolgerungen sind wir nicht einverstanden: Einsamkeit nach wie vor ein Tabuthema. Wer bereitwillig zugesteht, sich einsam zu fühlen, geht das Risiko der sozialen Abwertung ein. So werden, ähnlich wie bei anderen mit einem Tabu behafteten Umständen (Altersarmut, Depression, Suizidalität), die meisten Menschen ihre wahren Gefühle zu verbergen suchen. Daher wäre unserer Meinung nach eine anonyme Befragung angemessener gewesen.

 

Außerdem unterscheiden wir zwischen Isolation, Alleinsein und Einsamkeit, was in dieser Studie offensichtlich nicht geschah. Isolation ist die Bezeichnung für eine weitgehende Abwesenheit von sozialen Kontakten, mit Alleinsein kann eine objektive Zustandsbeschreibung, aber auch ein gefühlsmäßiger Mangel gemeint sein. Einsamkeit ist eine Wertung und ein stets negatives Gefühl, das nicht von der objektiven Anzahl möglicher Kontakte oder der Kontakthäufigkeit abhängt. Weder Großeltern noch Menschen mit Partner oder einem Freundeskreis sind per se vor Einsamkeitsgefühlen gefeit. Fraglich ist, ob sie es im persönlichen Gespräch mit einem fremden Menschen bereitwillig einräumen. Im Gegenzug gibt es sicher viele Menschen, die objektiv gesehen isoliert sind, alleine leben, keine Familie und kaum soziale Kontakte haben – und sich trotzdem überhaupt nicht einsam fühlen.

 

Natürlich ist Einsamkeit im Alter kein unabwendbares Schicksal. Wer sich frühzeitig ein soziales Netz aufbaut und im Fall drohender Einsamkeit zeitig gegensteuert, wird auch dieses Problem meistern. Studien haben übrigens festgestellt, dass Einsamkeitsgefühle auch eine Folge von Langeweile sein können. Daher hilft es präventiv auf jeden Fall, seine Interessen zu pflegen und eine feste Struktur in den Tagesablauf zu bringen, wofür früher das Arbeitsleben und die gesellschaftlichen Aufgaben fast »automatisch« sorgten. 

Die bösen Alten

 

Es gehört zu den vielen Merkwürdigkeiten des Lebens,

dass der Mensch immer bissiger wird, je weniger Zähne er hat.

Stefan Heym

 

 

Vor rund 17 Jahren hätten wir fast ein Buch geschrieben hätten. Es trieben uns, rückblickend betrachtet, recht kindlich-naive Fragen um: Werden die Menschen im Alter boshaft, selbstgerecht und eigensinnig? Und wenn ja: Warum?

 

Wie kamen wir zu diesen Fragen? Das ist wohl ähnlich kurios: Wir verbringen seit rund 35 Jahren nicht nur beruflich, sondern bis heute einen Großteil unserer Lebenszeit am Computer. Roger Harrison betreute mit seinem Londoner Unternehmen The Wizards' Guild die Lizenzen des weltweit ersten Computer-Rollenspiels namens MUD (Multi User Dungeon), das er ab Anfang der 1980er Jahre dazu inhaltlich leitete. Daher war er schon berufsbedingt ständig online – zu einer Zeit, als in Deutschland kaum jemand etwas über das Internet wusste. Roswitha Casimir, seinerzeit in München lebend und in der EDV-Abteilung einer internationalen Behörde tätig, interessierte sich zwar nicht für Computerspiele, war von den Möglichkeiten und der Interaktivität des Internets indes derart gefangen, dass die Online-Welt auch privat ihr großes Hobby wurde.

 

1996 lernten sich Roswitha und Roger – wie sollte es anders sein – im Internet kennen, und zwar in einem der zu dieser Zeit noch seltenen Chaträume, die im Gegensatz zu heute aufgesucht wurden, um Wartezeiten zu überbrücken, die Datenübertragungen noch verursachten. Längere »Aufenthalte« im Internet waren, zumindest von Deutschland aus, für Privatpersonen unverhältnismäßig teuer, weil es nur wenige deutsche Einwahlknoten gab und somit teilweise horrende Auslands-Telefongebühren zu entrichten waren.

 

Online-Zeit war wertvoll, man verplemperte sie nicht mit Belanglosigkeiten. Die damaligen, fast durchgehend im anglo-amerikanischen Raum beheimateten Online-Communities, in denen man ernsthafte und tiefsinnige Diskussionen über Gott und die Welt mit Menschen aus aller Welt führen konnte, waren von hoher Qualität und wurden von engagierten Administratoren meist ehrenamtlich geleitet. Begleitende Chats konnten belanglos sein, waren aber niveauvoll und freundlich – der berühmte kultivierte Small-talk eben. Schon bei den geringsten Anzeichen von Streit oder einer Verletzung der Community-Regeln wurden die Betroffenen verwarnt, notfalls aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Wenn es um tiefsinnigere Diskussionen ging, lud man sich die eingegangenen Mitteilungen auf den eigenen Rechner und schrieb seine Antworten offline – in aller Ruhe und Sorgfalt darauf bedacht, gute Beiträge abzuliefern.

 

Als sich das Internet ab 1993 durch das WWW (World Wide Web) noch rasanter entwickelte, weil es die Darstellung von Grafiken und dynamischen Inhalten, sprich Musik, Animationen und Videos ermöglichte,  der Zugang preisgünstiger wurde und täglich Tausende neuer Benutzer hinzukamen, spukten in den Köpfen der älteren Benutzer noch lange Zeit die »Gesetze« der frühen Online-Zeit. Überhaupt generierte die Frühzeit des öffentlichen Internets zahllose Geschichten, die in der Rückschau als nette Anekdoten erscheinen. Es war eine Phase, die von eher jungen Akademikern und »Überzeugungstätern« geprägt war – noch lag der Gedanke fern, mit Internet-Dienstleistungen je Geld verdienen zu können oder zu wollen. Das einst als militärisches und universitäres Netz entstandene Internet blieb bis Mitte der 1990er Jahre eine höchst elitäre Veranstaltung.

 

Mit dem WWW wuchs das öffentliche Angebot rasant und zog mehr Privatbenutzer an, zumal gleichzeitig die Benutzungsgebühren drastisch fielen. Nun entstanden kommerzielle Angebote, darunter deutschsprachige Diskussionsforen. Eines Tages entdeckten wir, mittlerweile gemeinsam zusammen in den Niederlanden lebend, eine deutsche Community, die damit warb, erster deutschsprachiger Internetclub für die »Generation 50plus« zu sein. Damals zwar gerade »erst« 44 und 46 Jahre alt, waren wir neugierig auf dieses Angebot, da wir davon ausgingen, dort Deutschsprachige zu finden, die die »gute alte Zeit« des frühen Internets schätzen gelernt hatten und sich profunder austauschen würden, als in den mittlerweile üblichen Foren, in denen massenweise unerfahrene Benutzer belanglose Stammeleien hinterließen und wo es nicht selten zu Streit und Grenzüberschreitungen kam.

 

Was wir erlebten, war in mehrfacher Hinsicht überraschend: Erstaunt waren wir zunächst, dass zwar viele Menschen »um die 50« und viele Jüngere das Forum frequentierten – allerdings die augenscheinlich größte Gruppe weit jenseits der 60 Jahre lag, also im Alter unserer Eltern- oder gar Großelterngeneration. Wenn wir uns recht erinnern, war der älteste Teilnehmer – zumindest der, der sich als solcher outete und sich an Diskussionen beteiligte – 84 Jahre alt. Bisher hatten wir uns selbst als zu den älteren Internetbenutzern gehörig eingeschätzt; nicht umsonst herrschte das Schlagwort, das Internet sei »männlich, weiß und unter 40«.

 

Wirklich verblüfft indes waren wir über die Art und Weise der Kommunikation und wie die Mitglieder miteinander umgingen. Gerade die älteren Teilnehmer diskutierten und chatteten, gemessen an unseren bisherigen Erfahrungen in vielen anderen Diskussionsforen, überdurchschnittlich viel – und nahmen kein Blatt vor den Mund. Es gab natürlich Bereiche, in denen artig mit einander umgegangen wurde und man sich wie auf einem Seniorennachmittag der örtlichen Kirchengemeinde fühlte. Doch vor allem in einer – und zwar der am häufigsten frequentierten – Sektion entbrannte fast regelmäßig, meist aus dem Nichts, hemmungsloser Streit und ergossen sich wahre Hasstiraden und Beschimpfungsströme. Oder eine sachlich begonnene Diskussion, beispielsweise über eine fast beliebige tagesaktuelle Nachricht, entgleiste ohne Vorwarnung, indem ein Teilnehmer mit: »Dene sollte man die Köppe einschlagen un fettich!« (Tippfehler inclusive) kommentierte. Regte sich Widerstand unter den anderen Diskutanten setzte er nach: »Un euch ach, ihr Arschlöcher!«

 

Vielleicht empfinden Sie das gar nicht als bemerkenswert, heutzutage hat man in den sozialen Netzwerken, wie vor allem bei Facebook, ohnehin das Gefühl, es gäbe nur noch Pöbeleien, Beleidigungen und im besten Fall einfältige Bemerkungen in höchst zweifelhafter Rechtschreibung. In der damaligen Zeit war dies die Ausnahme.

 

...

 

Wir waren von diesen Auseinandersetzungen gleichermaßen abgestoßen wie angezogen. »Wehe wenn sie losgelassen«, dachten wir und wussten nicht, ob wir lachen oder weinen sollten. Wir konnten uns das Phänomen nicht erklären. »Böse!«, ging uns durch den Kopf. »Mein Gott, was sind diese Menschen böse«. Unerbittlich, aggressiv, bissig, gehässig, ja oft ehrabschneidend und beleidigend, nur im besten Fall sarkastisch, provozierten die einen, dummdreist, ungezogen oder bar jeglichen Anstands reagierten die anderen. Einige wortgewandt und offensichtlich gebildet, die meisten hingegen mit unübersehbaren Schwierigkeiten im schriftlichen Austausch und häufigem Gebrauch der Gossensprache. »Wo haben sie nur diesen Wortschatz aufgeschnappt – im Kindergarten?«, grinsten wir von Zeit zu Zeit.

 

Aus verschiedenen Gründen – ein Teil unser beider Familien war früh verstorben, wir hatten nur wenige ältere Verwandte, lebten im Ausland und standen voll im Arbeitsleben – hatten wir selbst außer in diesem Diskussionsforum seit Jahren kaum Kontakt mit Senioren gepflegt. Wir kannten einfach keine alten Leute und wussten nicht, wie sie heutzutage »ticken«. Wir konnten uns nur auf unsere Erfahrungen als Kinder mit Oma und Opa, der netten Tante Lisa, die immer einen Keks für uns hatte und dem alten Onkel Hans beziehen, der mit den Kindern Streiche ausheckte. Alte Leute waren in unserer Erinnerung sanft, freundlich und liebenswert. Sie hatten Zeit für uns, konnten tolle Geschichten erzählen und wussten alles über das Leben. Vielleicht waren wir deshalb so verdutzt und konsterniert.

 

Wir dachten darüber nach, wie wir selbst wohl im Alter sein würden: Selbst zu einer Else Kling aus der TV-Serie Lindenstraße oder einem Gernot Hassknecht (Fernseh-Nörgler, verkörpert von dem Schauspieler Hans-Joachim Heist) zu werden, war erschreckend. Was würde uns jenseits der 65 konkret erwarten, wie würden wir leben und die Welt erleben, wie würden wir uns verhalten, denken und fühlen? Würden wir mit zunehmendem Alter schwieriger und schwieriger und schließlich unerträglich werden? War dies gar eine Art Naturgesetz oder konnten wir beizeiten gegensteuern?

 

Wir wollten der Sache auf den Grund gehen, wir wollten verstehen. ... Schließlich war der Umstand zu berücksichtigen, dass es wohl mindestens genauso viele freundliche, liebe, geduldige, ja gütige alte Menschen gibt. Woran konnte es liegen, dass die einen »gut« und die anderen »böse« wurden? Wie könnte man selbst erreichen, »gute Alte« zu werden? Durchliefen Menschen im höheren Alter vielleicht Verhaltensänderungen? Unter welchen Umständen neigten sie dann dazu, aggressiv, misstrauisch und feindselig zu werden? Fragen über Fragen. Eines Tages entschieden wir: Wir wollen das nicht nur aufklären, sondern wir schreiben ein Buch darüber. Der Titel war sofort gefunden: Die bösen Alten.

 

...

 

Damals war die Suche im Internet nach wissenschaftlichen Studien, Facharbeiten und Veröffentlichungen – insbesondere für Laien mit beschränktem Zeitbudget – ungleich schwieriger als heute, ja oft aussichtslos. Es ist inzwischen kaum mehr vorstellbar, aber die erste Metasuchmaschine Metacrawler.com ging 1996 ans Netz, 1998 ging die Suchmaschine Google online, ihre Buchsuche hingegen erst 2005. Bis dahin, und meist deutlich länger, arbeitete man mit den katalogorientierten Yahoo oder Altavista, der ersten, 1995 erschienenen Suchmaschine, die eine ansatzweise Volltextsuche ermöglichte. Eine Fachrecherche über Vascoda (heute Webis) war sogar erst ab 2006 möglich. Und alle diese Systeme zeichneten sich anfänglich vor allem dadurch aus, dass man mit ihnen viel mehr nicht finden als finden konnte.

 

Was populärwissenschaftliche Veröffentlichungen angeht, ist der heute ausführliche und profunde Wikipedia-Artikel »Altern« ein gutes Beispiel. Er wurde erst 2010 angelegt und war zunächst wenig informativ, wie man in der Versionsgeschichte des Artikels nachvollziehen kann. Wikipedia selbst wurde übrigens 2001 gegründet.

 

Trotzdem – das Thema ließ uns nicht los. Immer wieder sprachen wir darüber, immer wieder verfolgten wir die Medien und saßen manche Stunde in Bibliotheken. Wir fanden heraus, dass wir durch einen kleinen Umweg in wissenschaftlichen Veröffentlichungen noch am ehesten fündig wurden, nämlich indem wir unter dem Stichwort »Aggression« suchten. Zu finden waren aber nur Studien, die sich mit Aggression im Allgemeinen oder bei Kindern und nicht speziell bei älteren Menschen, auseinander setzten.

 

...

 

Dazu überlegten wir, wie sich der Verdacht mit der Tatsache vereinbaren ließ, dass den Jugendlichen gleichfalls gern nachgesagt wird, im Gegensatz zu »früher« respektlos, unerzogen und aggressiv, also ebenfalls »böse« zu sein? Und dass solches Verhalten bei Menschen jeden Alters vorkommen kann – bei dem brüllenden, schreienden und kratzenden Kleinkind, dem hyperaktiven und frechen Schulkind, den pubertierenden Jugendlichen, die keine Konfrontation scheuen, den Eltern, die miteinander streiten »bis die Fetzen fliegen«, den Arbeitskollegen, unter denen es zu Beleidigungen, Beschimpfungen, Ausgrenzung, Intrigen und Mobbing kommt …

 

Unser Projekt stagnierte, die Fragen waren zu viel, die Antworten blieben bescheiden. Von einem Buchkonzept waren wir weiter entfernt als zuvor.

Gelingendes Altern

Im Alter bereut man vor allem die Sünden,

die man nicht begangen hat.

William Somerset Maugham

 

Die ausschließliche Deutung des Alters als einen Lebensabschnitt, der einer besonderen Sorge und eines besonderen Schutzes bedarf, entspricht nicht der Realität und insbesondere nicht der Vielfalt des Alters. Das Alter und die Alten verdienen eine neue Betrachtung.

Altsein bedeutet in der gängigen Meinung bis heute, passiv zu sein. Das Zepter freiwillig oder unfreiwillig abzugeben, den Jüngeren klaglos die Kontrolle zu überlassen, sich auf’s »Altenteil« zurückzuziehen und möglichst nicht zu stören, schmutzen, riechen oder haaren, bis dass uns der Tod ereilt, der bitte möglichst zügig eintreten möge, damit das Umfeld nicht so viel Arbeit, so viele Umstände und so viele Kosten wegen der Alten hat. Und die Alten? Sie lassen es oft genug gar nicht ungern geschehen, wenn über sie bestimmt wird. Es hat ja etwas für sich, umsorgt, behütet und von allen Pflichten entlastet zu werden. Da fällt es anfänglich gar nicht auf, dass damit Bevormundung und Abwertung einhergehen.

 

Zugegeben, obige Zeilen sind provokant, denn der Umgang mit den Alten ist in den letzten Jahrzehnten respektvoller geworden. Der bewusste Versuch, eine Infantilisierung der Senioren in Altenheimen oder im Krankenhaus beispielsweise durch Duzen und Verwendung von Kleinkindvokabular herbeizuführen, dürfte heutzutage zur absoluten Ausnahme gehören.

 

Und doch vergisst die Gesellschaft gerne die Lebensleistung der Alten und gibt ihnen wenige Chancen, im fortgeschrittenen Alter im Rahmen ihrer geistigen und körperlichen Möglichkeiten aktiv von Nutzen zu sein. Diesem Denken und Handeln liegt das Rentnerbild der 1970er und 1980er Jahre zugrunde, als der Ruhestand als zwingend notwendige Erholungsphase nach einem langen und schweren Berufsleben diente. Heutige gesunde Siebzigjährige sind jedoch so leistungsfähig wie vor zwanzig Jahren Fünfzigjährige. Altersökonomen haben für die Behauptung, eine alternde Gesellschaft sei weniger produktiv und werde zudem egoistisch, kaum Belege gefunden.

 

Ein Umdenken der Gesellschaft wird allerdings nicht »von alleine« passieren. Warum sollte die Gesellschaft ihre Fokussierung auf Hilfsbedürftigkeit der armen Alten und die bequeme Sicht auf diese gelegentlich nervigen und insgesamt zeit- und arbeitsintensiven, aber wenigstens einflusslosen Menschen ändern, wenn diese es widerspruchslos hinnehmen und die Gesellschaft gewähren lassen? Menschen, die anders reagieren, die mit Eintritt in das Rentenalter ihr Gehirn nicht ausschalten, sondern sich weiter aktiv einmischen – denken Sie nur an den kürzlich verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt – bewundern wir. Was aber, wenn plötzlich alle fast 28 Millionen über 60-Jährige wieder mitreden und mitmachen wollten?

 

Es gilt, den letzten Lebensabschnitt in die Perspektive der gesamten Lebensspanne zu rücken. Jede Phase menschlicher Entwicklung ist mit Verlusten und Gewinnen verbunden – so auch das Alter. Sich allein auf die Verluste zu konzentrieren, verbessert weder die Situation noch ist es zielführend. Die Gewinne im Alter liegen in ausgeprägter Sozial- und emotionaler Kompetenz, historischer Lebenserfahrung und der Fähigkeit zu gezieltem Ressourceneinsatz. Ältere Menschen können nicht nur ihr Leben erfolgreich meistern und positiv in der Gesellschaft wirken, sondern sich auch in ihren letzten Lebensjahren noch als Persönlichkeit bejahen und weiter entwickeln.

 

Ein stets größerer Anteil älterer Menschen organisiert sich inzwischen neu, passt sich an die altersbedingten Veränderungen an und managt selbstbestimmt das Leben. Die ganz Mutigen verkünden ungerührt, ihre Rente und ihre Ersparnisse selbst zu verprassen, anstatt die Familie mit einem dicken Erbe zu erfreuen. Sie gestalten ihren dritten Lebensabschnitt nach eigenem Gutdünken, genießen das Leben und nehmen mit, was sich ihnen bietet. Sie arbeiten ehrenamtlich, und zwar aus freien Stücken und nicht, weil es die einzige Möglichkeit ist, die ihnen die Gesellschaft noch einräumt. Manche beginnen ein Studium, andere malen oder schreiben ein Buch, machen eine Weltreise oder liegen einfach in ihrer Hängematte und lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. Weil sie es sich wert sind und weil sie es sich verdient haben.

 

...

 

Früheren Rentnergenerationen haben wir voraus, dass wir uns das Recht auf Lebenslust und Lebensfreude, Neugier, jugendliches Verhalten und Risikofreude nicht nehmen lassen, sondern genüsslich ausleben. Die Alten von heute stehlen sich nicht mehr davon, im Gegenteil, sie machen mobil. Während das Bild der passiven Alten noch fest in den Köpfen der Gesellschaft sitzt, die mit Erstaunen reagiert, wenn die Alten gegen scheinbare Normen verstoßen, leben mehr und mehr Alte bereits ungeniert, wie es ihnen beliebt und nicht, wie die Gesellschaft es ihnen vorzuschreiben versucht.

 

Wer zu den Jahrgängen 1940 bis 1950 gehört, ein »68er« oder »Alt-68er« ist, kennt sich, ähnlich wie die etwas Jüngeren, die mit den Beatles und den Stones, der Hippiebewegung, der freien Liebe und Flower Power aufwuchsen, bestens aus in Generationenkonflikten und Auflehnung gegen die Gesellschaft. Wer also in der Jugend an Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung als gesellschaftspolitisches Konzept glaubte, die sinnentleerten Wohlstandsideale der Mittelschicht in Frage gestellt und eine von Zwängen und bürgerlichen Tabus befreite Lebensvorstellung propagiert hat, der kann es doch bitte im Alter noch einmal – und mit all der gewonnenen Erfahrung sogar besser tun. Mach’s noch einmal, Sam, sagte Woody Allen, oops, I did it again, singen wir vielleicht heute mit Britney Spears.

 

Es wird sogar noch »schlimmer«: Wir sind nämlich eine verwöhnte und historisch einzigartige Altengeneration. Rentner und Pensionäre von heute verfügen über ein hohes Bildungsniveau und vielseitiges Erfahrungswissen. Sie sind bis ins hohe Alter mehrheitlich gesundheitlich fit und mobil und können im Ruhestand, weitgehend frei von beruflichen und familiären Pflichten, ihre Zeit selbstbestimmt nutzen. Die Altersklasse, die sich nun anschickt, das Erwerbsleben zu beenden, hat nie wirklich schwere Zeiten durchmachen müssen. Schon die ab 1945 Geborenen sind nun siebzig geworden, ohne dass sie – Einzelschicksale selbstverständlich ausgenommen – große menschliche Härten haben erfahren müssen. Geboren in eine friedvolle Zeit, in der Krieg und Verderben nur im Fernsehen vorkamen, aufgewachsen in einer Kleinfamilie und verwöhnt von Eltern, die mehr Zeit für ihre Kinder hatten als Eltern je zuvor und ihnen das Gefühl vermittelten, fast alles erreichen zu können, ist ihnen ein Leben in Kummer und Elend, Aufopferung und Verzicht völlig fremd.

 

Wenn wir Alte für die Gesellschaft nicht interessant sind, werden wir uns eben selbst interessant machen. Wir können aufstehen und sagen: Jetzt ist es gut, jetzt werden wir das Heft in die Hand nehmen und uns selbst neu erfinden. Die besten Chancen haben wir, wenn wir das Pro-Aging leben, eine Bezeichnung, die unseres Wissens von der Alterswissenschaftlerin und ehemaligen Bundesfamilienministerin Ursula Lehr 2007 geprägt wurde. Sie versteht diesen Lebensabschnitt als Herausforderung und fordert von den Älteren Leistung: »Wir wollen gesund und möglichst kompetent älter werden und damit unsere eigene Lebensqualität steigern, aber auch die unserer Angehörigen und der Menschen unserer Umgebung. Früher hat man gefragt: Was kann die Gesellschaft für die Alten tun? Heute muss es heißen: Was können die Alten für die Gesellschaft tun?«

 

Wir sind der Meinung, dass es vor allem in der Hand der Alten selbst liegt, wie es mit ihnen weitergeht. Sie – nein: wir! – haben drei grundsätzliche Optionen: Wir können Ageismus und Altersdiskriminierung weiterhin zulassen und passiv ertragen. Oder wir sinnen auf Rache und Vergeltung, schüren Jugendhass und streben eine »Diktatur der Alten« an. Wir können aber auch von unserer Vernunft, unserer Lebenserfahrung und unserer zumindest gelegentlich aufblitzenden Altersweisheit Gebrauch machen, uns zusammentun, das Problem gemeinschaftlich und sorgfältig aus mehreren Perspektiven betrachten, um schließlich einen Kompromiss zu erarbeiten, der alle gesellschaftlichen Gruppen angemessen berücksichtigt und künftig weder unsere noch andere Altersgruppen diskriminiert.

Kein Zweifel, wofür wir uns grundsätzlich entscheiden würden, nicht wahr? Doch es fragt sich, ob wir es tun. Werden genügend Menschen unserer Generation Interesse, Motivation und Durchhaltevermögen haben, eine einschneidende gesellschaftliche Veränderung anzustoßen? Oder hat unsere Generation keine Kraft oder keine Lust mehr dazu, sich kollektiv zu engagieren, selbst dann nicht, wenn es zum eigenen Wohl geschieht?

Foto: © 2016 Roswitha Casimir
Foto: © 2016 Roswitha Casimir